DARIAH-DE

Digitale Forschungsinfrastruktur
für die Geistes- und Kulturwissenschaften
 

DARIAH-DE unterstützt mit digitalen Ressourcen und Methoden arbeitende Geistes- und Kultur­­wissen­­schaftler­­Innen in Forschung und Lehre.

Dazu baut das Projekt eine digitale Forschungs­­infra­struktur für Werkzeuge und Forschungs­daten auf und entwickelt Materialien für Lehre und Weiter­bildung im Bereich der Digital Humanities (DH).

Zurück

Vorstellung der DARIAH-DE-Fellows 2015: Sascha Foerster

Das DARIAH-DE Fellowship-Programm fördert NachwuchswissenschaftlerInnen, die in ihren Forschungsvorhaben innovative digitale Ansätze und Methoden einsetzen und so einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Digital Humanities leisten. Im DHd-Blog stellen die DARIAH-Fellows ihre Projekte vor.

Sascha Foerster

saschafoerster
Sascha Foerster ist Historiker und Psychologe und promoviert am Institut für Alternskulturen an der Universität Bonn im Projekt “Deutsche Nachkriegskinder 1952-1961?. Er arbeitet bei der Max Weber Stiftung als Community Manager für das wissenschaftliche Blogportal de.hypotheses.org und ist leidenschaftlicher Bonner Blogger und nutzt Twitter aktiv zu Vernetzung und Forschung.

Worum geht es in dem Projekt?

Von 1952 bis 1961 fand in Bonn, Nürnberg, Stuttgart, Remscheid, Grevenbroich und Frankfurt am Main die Längsschnittstudie “Deutsche Nachkriegskinder” statt. Über 4000 Kinder wurden damals mit medizinischen, psychologischen und soziologischen Fragestellungen einmal jährlich an den sechs Standorten detailliert untersucht. Die Frage war, wie es diesen beiden Generationen der 1938/1939 und besonders der 1944/45 geborenen Kindern ging. Litten Sie unter den Folgen des Zweiten Weltkriegs? Damals war das scheinbar nicht der Fall; heute im Alter wird diese Frage für viele der Ehemaligen und für die Forschung wieder aktuell.

Vor wenigen Jahren wurde mit dem Fund der damaligen Akten quasi ein Forschungsschatz gehoben, denn es besteht die Möglichkeit die damaligen Teilnehmer im Alter von 70+ nochmal zu untersuchen und die Ergebnisse mit den Kindheitsdaten zu vergleichen. Das könnte zum Beispiel helfen, Forschungsfragen zur Entstehung von Traumata und zu Resilienzfaktoren zu beantworten. Auch die intergenerationelle Übertragung von Traumata könnte untersucht werden. Darüber hinaus werden aber auch viele andere Forschungsgebiete wie zum Beispiel der Wissenschaftsgeschichte und Soziologie berührt.

Nur mithilfe einer Datenbank zur Erstellung von Anfragen an über 1000 Einwohnermeldeämter ließen sich die damaligen Teilnehmer wiederfinden. Die Finanzierung dieser “Suche nach den Nachkriegskindern” lief zum Teil über Crowdfunding, womit nicht nur Aufmerksamkeit für das noch immer nicht dauerhaft geförderte Projekt geschaffen wurde, sondern zugleich eine Community aufgebaut wurde, die bei einem späteren Crowdsourcing behilflich sein kann.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit DARIAH-DE ?

Mittels Crowdfunding konnte ich bis Februar 2015 mehr als 2000 der 4095 Teilnehmer wiederfinden. Durch das DARIAH-DE-Stipendium konnte ich nun sechs weitere Monate dabei helfen die Studie zu revitalisieren, denn noch immer gibt es kein offizielles und nachhaltig finanziertes umfangreiches Forschungsprojekt. In DARIAH-DE finde ich neben der finanziellen Unterstützung auch Hilfe in allen Fragen um Daten in den Geisteswissenschaften, sei es um den Aufbau von Datenbanken für ein angedachtes Crowdsourcing, Visualisierungen mittels DARIAH-Tools oder auch Ansprechpartner für eine rechtliche Beratung zu Datenschutzfragen. Hilfreich sind auch die Kontakte und die Sichtbarkeit im DARIAH-Netzwerk und in der scientific community, beispielsweise durch diesen Blog oder bei Konferenzen.

Welche Ergebnisse erwarten Sie und für welche Forschungsthemen sind diese anschlussfähig?

Ich hoffe sehr, dass eine Nachfolgestudie bald Realität wird, denn die damaligen Nachkriegskinder werden innerhalb weniger Jahre verstorben sein. Jetzt bestünde noch ein letztes Mal die große Chance, die damaligen Kinder, deren umfangreiches Originaldatenmaterial vorhanden geblieben ist, heute nochmals als gealterten Menschen mit Methoden auf dem neuesten Forschungsstand zu untersuchen. Dieses umfangreiche und methodisch vielfältige Datenmaterial aus sechs Orten über 10 Jahre kann keine andere mir bekannte Studie vorweisen. Im Kern geht es um psychologische und medizinische Fragestellungen, die sich auf intraindivuduelle Entwicklungen konzentrieren. Wichtig und denkbar sind auch soziologische und wissenschaftshistorische Fragen, die immer auch im Kontext der Digital Humanities stehen, denn diese großen Datenmengen ließen sich schon damals nie vollständig durch Lochkarten abbilden, geschweige denn auswerten. Sie wurden noch niemals in ihrer Gesamtheit ausgewertet! Selbst heute in Zeiten von Big Data bleibt es eine Herausforderung diese alten, oft handgeschriebenen Akten auswertbar zu machen. Letzteres ist vor allem mein Interessengebiet: Wie kann man diese Studie revitalisieren und heute erneut auswerten? Welche digitalen Methoden kann ich nutzen um anderen Forschern zu erlauben, möglichst viele Forschungsfragen zu beantworten und zugleich einen möglichst hohen Datenschutz für die ehemaligen Teilnehmer zu gewährleisten. Ich glaube ohne digitale Methoden und Open Science wäre es nicht möglich. Dass es doch möglich ist, davon müssen noch einige Menschen überzeugt werden.

Mit welchen Materialien und Daten arbeiten Sie?

Grundlage sind die 4095 wiedergefundenen Nachkriegskinder-Akten aus den 50er und 60er Jahren. Die damaligen Adressen konnten zur Hälfte durch Recherche bei den Einwohnermeldeämtern aktualisiert werden. Ein wichtiges Thema ist hier der Datenschutz, der definitiv gewährleistet sein muss, aber auch in Abwägung mit Forschungsinteressen steht. Auf der anderen Seite steht als Ergebnis eine Adressliste von knapp 1000 Einwohnermeldeämter in Deutschland. Diese Liste gab es bisher nicht und sie steht nun als Open Data zur Verfügung, damit andere in ähnlichen Projekten nicht neu beginnen müssen, die Einwohnermeldeämter zu suchen. Vielleicht lassen sich diese Daten in einem weiteren Schritt durch kollaboratives Arbeiten im Sinne von “Social Open Data” vervollständigen, aber auch das ist sehr aufwändig und nicht vorrangiges Ziel. Mein Ziel wäre es der Forschung ein vollständiges digitales Abbild der vorhandenen Akten bereit zu stellen, um die aktuellen noch zu erhebenden Forschungsdaten in Bezug zu diesen Altdaten setzen zu können, dabei aber den Datenschutz so umfangreich wie möglich zu gewährleisten. Darüber hinaus publiziere ich schon während des gesamten Prozesses im Nachkriegskinder-Blog, sowohl über Zwischenergebnisse und Methoden, aber auch über die Öffentlichkeitsarbeit, das Crowdfunding und das Community Building. Meine bisher entstandene Literatursammlung steht als Zotero-Bibliothek ebenfalls allen Interessierten zur Verfügung.

Gibt es Methoden, Theorien und Tools, welche für diese Aufgabe besonders interessant sind?

Ich glaube, dass alle Methoden aus dem Bereich Open Science interessant für dieses Forschungsprojekt sind. Ohne eine Community und rechenstarke Computer lassen sich diese Datenmengen weder digitalisieren (also scannen und transkribieren), noch kann ein einzelnes Forschungsteam das volle Potenzial dieses Datenschatzes alleine heben, da viele Disziplinen berührt werden. Ein weiterer mir wichtiges Punkt ist der transparente Umgang mit den Daten, da es sich um sehr sensible Informationen handelt, also sollte jeder sich informieren können, was wir mit den Daten tun und welche Ergebnisse daraus entstehen. Und zuletzt bringen die offenen Methoden es mit sich, dass wir Wissenschaftskommunikation betreiben müssen, nicht nur innerhalb der Forschungsgruppe oder mit der scientific community, sondern mit allen, die das Thema interessiert oder die davon berührt werden: Der Zweite Weltkrieg ist 2015 genau 70 Jahre vorbei: es wird also Zeit zu untersuchen, was die seelischen und medizinischen Langzeitfolgen sind, und auch darüber letzte Diskussionen in den Familien zu führen, so lange das noch möglich ist. Für die Wissenschaftler ist es aus meiner Sicht auch Aufgabe, die Diskussionen um Kriegskinder, Nachkriegskinder, Kriegsenkel mit wissenschaftlicher Forschung zu unterlegen bzw. falsche Thesen zu widerlegen. Psychoanalytiker und Journalisten haben sich dieses Themas schon lange angenommen, nun besteht die Chance das Thema anhand von Originaldaten mit größerer Gewissheit und mit wissenschaftlichen Methoden zu untersuchen.

Wie haben Sie begonnen, sich mit digitalen Geisteswissenschaften zu beschäftigen?

Digitales hat mich schon immer fasziniert, sei es in Form eines C64, der irgendwann in meinem Kinderzimmer stand, oder in Form eines Internetanschluss mit 56kB, den ich mit etwa 14 Jahren nutzen durfte. Bei der Studienwahl war es aber komischerweise nicht Informatik, sondern die Geisteswissenschaften, die die größte Anziehungskraft auf mich auswirkten. Auch dort gab es immer wieder Überschneidungen: in der Psychologie interessierte mich besonders die Neurowissenschaft und die Möglichkeit mittels funktionaler Resonanztomographie (fMRT) ins lebende Gehirn und seiner Aktivität hineinzuschauen. Bei den Historikern war ich erstaunt, dass in Seminaren oft nur Texte monoton abgelesen wurden und die Chance einer multimedialen Präsentation mit Bildern und Videos verpasst wurde. Ich ließ ihm Studium gerne den verstaubten Beamer aus dem Keller holen. Das Interesse für Digitales hat mir immer wieder geholfen, beispielsweise auch bei der Literaturverwaltung mit Zotero, wo ich selbst einen Zitierstil weiterentwickelt habe und das Wissen darum in einem Blog weitergeben konnte. Mittlerweile ist mir klar geworden, wo groß der Kosmos des Digitalen in den Geisteswissenschaften ist. Die Faszination für den digitalen Wandel und seiner Chancen ist die Konstante über all diese Jahre.

Welche Angebote der digitalen Geisteswissenschaften fänden Sie für Ihre Forschungsprojekte in Zukunft besonders hilfreich?

Genau das würde ich selbst gerne weiter erforschen. Die digitalen Tools und Methoden entwickeln sich so schnell weiter, dass es schwer ist, einen Überblick zu behalten oder gar immer auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Viele tun sich noch schwer damit auf dem Rechner mehr zu machen, als ihre Emails zu checken und Texte mit Word zu schreiben. Andere schreiben ihre Texte in MarkDown, lassen sie bei GitHub versionieren und twittern den aktuellen Stand ihrer Arbeit. Und dann taucht die Frage auf: brauche ich nun auch Snapchat? Das Experimentieren mit neuen Publikations- und Forschungsmethoden macht mir Spaß, aber es gibt auch viele Sackgassen und immer wieder neue Möglichkeiten. Ich vermute aber, dass das jetzt eine Übergangsphase ist und dass sich die Angebote auf Dauer zunehmend stabilisieren und sich wieder ein Konsens etablieren wird, welche Dienste, Tools, Methoden und Angebote wie idealerweise für die Wissenschaft genutzt werden können. Bis das passiert, muss aber noch viel geforscht werden.

Weitere Informationen

Projekthomepage: http://zakunibonn.hypotheses.orghttp://nachkriegskinder-studie.de
Blog: http://saschafoerster.de
Twitter: https://twitter.com/Sascha_Foerster
Podcast: http://podcast.saschafoerster.de
Zotero: http://zotero.saschafoerster.de

Kommentare
Noch keine Kommentare. Seien Sie der Erste.